- SV62 Bruchsal

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27.03.2014·15:15·DFB-Stiftungen
SV Bruchsal: Auf Herbergers Spuren

Es war sicher nicht sein erster Anstoß. Sepp Herberger war Stürmer, ein sehr guter sogar, und hat in seiner Karriere bei Waldhof und dem VfR Mannheim und später auch bei Tennis Borussia Berlin ganz oft am Mittelkreis gestanden. Am 30. September 1970 war es jedoch ein ganz besonderer. Es war der Anstoß in der Justizvollzugsanstalt in Bruchsal, der Anstoß zu einer neuen Lebensaufgabe.

Walter Schmitt, damals Dekan in der Gefängnisanstalt, hatte seinen Freund Herberger eingeladen, um "die Gefangenen spüren zu lassen, dass sie von draußen nicht abgeschrieben werden". Herberger nahm an. Keine vier Wochen später war er gekommen und unterhielt sich mit den Häftlingen, erzählte Anekdoten, munterte auf, machte wieder Mut.

Regelmäßig Besucher in der JVA Bruchsal: Fritz Walter (l.) und "Chef" Sepp Herberger

SV 62 Bruchsal erhält Sepp-Herberger-Urkunde

Nach diesem ersten Besuch in der JVA Bruchsal schickte Herberger jedes Jahr Weihnachtsgeschenke, bat seinen ehemaligen Kapitän Fritz Walter die Strafanstalt zu besuchen und hielt den Kontakt zu den besuchten Strafgefangenen. "Ich habe mich sehr gefreut, dass Sie meinen Brief beantwortet haben, denn das ist nicht selbstverständlich und irgendwie hat es mich moralisch aufgerichtet", schrieb ihm damals ein Häftling.

44 Jahre später nun schließt sich der Kreis: Der SV 62 Bruchsal wird mit der Sepp-Herberger-Urkunde ausgezeichnet. Seit ihrer Gründung 1977 verleiht die DFB-Stiftung Sepp Herberger diese Urkunde an Fußballvereine, die sich im Bereich der Resozialisierung engagieren. Der Verein aus Baden arbeitet seit 2010 eng mit der JVA in Bruchsal zusammen, um Strafgefangenen den Übergang in die Freiheit zu erleichtern. Rund 450 Gefangene sitzen hier ein. Freigänger im offenen Vollzug trainieren mit der Mannschaft und werden sogar bei Saisonspielen eingesetzt.

Fußball schafft besonderen Zugang zu Häftlingen

"Den ersten Kontakt zu den Strafgefangenen gab es durch das jährliche JVA-Turnier, bei dem das Gefängnis die umliegenden Vereine einlädt", erinnert sich Rüdiger Hochscheidt und erklärt weiter: "Als einer der Gefangenen dann mit dem Wunsch auf mich zukam, während seines Freigangs Fußball zu spielen, habe ich mit dem Leiter des offenen Vollzugs Wolfgang Stöhr Kontakt aufgenommen. Die Initiative ging also von einem Häftling selbst aus."

Nach dem Gespräch mit Stöhr startete das Projekt 2010. "Unsere Häftlinge sollen durch das Projekt wieder Anschluss an das Leben in Freiheit und Selbstverantwortung finden und soziale Bindungen aufbauen", beschreibt der Leiter des offenen Vollzugs, warum man mit dem SV 62 Bruchsal kooperiert. "Sonst fallen sie nach ihrer Haft in ein Loch. Der Fußball schafft da einen ganz anderen Zugang."

"Die ersten beiden Gefangenen waren unsere Eisbrecher"

Im Verein allerdings herrschte zunächst noch Unsicherheit, einige Familien sorgten sich um ihre Kinder. Nachdem der erste Projektteilnehmer jedoch problemlos in die Mannschaft integriert wurde und es dann auch beim zweiten keine Konflikte gab, wich die Skepsis allmählich. "Die ersten beiden, das waren unsere Eisbrecher. Sie waren für die Akzeptanz des Projekts bei den Mitgliedern unheimlich wichtig", sagt Hochscheidt. Vier der sieben Teilnehmer genießen mittlerweile wieder ihre Freiheit - drei davon leben in Bruchsal.

"Ich habe mich entschlossen in Bruchsal zu bleiben, um noch einmal neu anzufangen, um nicht wieder in die alten Kreise reinzurutschen und um mir selbst zu beweisen, dass ich alleine klarkomme", sagt der ehemalige Gefangene Joe (Name von der Redaktion geändert). Er arbeitet mittlerweile wieder in seinem alten Beruf als Fachkraft für Lagerlogistik und sieht sich auf einem "hervorragenden Weg" in ein neues Leben. Auch der Job als Jugendtrainer des SV 62 Bruchsal trägt zu der erfreulichen Entwicklung bei: "Ich fühle mich hier angenommen und habe das Gefühl, wieder etwas leisten zu können."

Das Erfolgsgeheimnis in Bruchsal sieht Hochscheidt in der sorgsamen Auswahl der Strafgefangenen: "Wenn sich ein Häftling für das Projekt interessiert, sprechen wir mit ihm. In dem Gespräch erfährt er, was wir von ihm erwarten, aber auch, was er von uns erwarten kann." Wichtig sei, dass der Strafgefangene "offen auf die Spieler im Verein zugeht und sich einordnet. Er sollte nicht zu fordernd sein, gerade, was die Einsatzzeiten angeht".

Soziales Engagement: beim SV 62 Bruchsal

"Es kann nur funktionieren, wenn Kommunikation stimmt"

Das Konzept funktioniert. Bisher wurde noch kein Projektteilnehmer rückfällig, eine nahezu unglaubliche Bilanz, wenn man die Rückfallquoten im Strafvollzug bedenkt. Besonders das gute Zusammenspiel zwischen dem offenen Vollzug und dem Verein schätzt Rüdiger Hochscheidt sehr: "Das Ganze kann nur funktionieren, wenn die Kommunikation stimmt. Das ist bei uns der Fall." Deshalb soll das Projekt auch dauerhaft fortgesetzt werden. Doch nicht nur das: Seit September 2013 kooperiert man auch mit dem Jugendvollzug in Adelsheim.

Ein ehemaliger Jugendspieler des SV 62 Bruchsal wurde zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Nachdem er den ersten Teil seiner Haftstrafe abgesessen hat, darf er an Spieltagen wieder

für den Verein auflaufen. Der Verein organisiert über seine Mitglieder einen Fahrdienst zum 100 Kilometer entfernten Gefängnis, nur so ist das möglich. Dieser enorme Einsatz ist für den jungen Mann ein großer Anreiz, sich in der Woche anständig zu verhalten.

Für den Fußball, für die Menschen.

Diese besondere Menschlichkeit treibt die Mitglieder beim SV 62 Bruchsal an. Und auch Sepp Herberger spürte diesen inneren Antrieb, Menschen wieder auf die Beine zu helfen. Ein damaliger Inhaftierter erkannte früh: "Ich möchte Ihnen ganz offen sagen, dass ich das von einem Seppl Herberger auch nicht anders erwartet habe. Denn wer Sie kennt, weiß, dass Sie Ihrer ganzen Art nach nicht anders handeln konnten."

Sepp und Eva Herberger hinterließen der Stiftung nach ihrem Tod ihr gesamtes Privatvermögen. Auch heute gibt es diese Menschen noch, die "nicht anders können". Am Freitagabend werden einige von ihnen in Mannheim mit der Sepp-Herberger-Urkunde geehrt. Sie erfüllen das Motto der Stiftung mit Leben: Für den Fußball. Für die Menschen.

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28.03.2014·22:30·DFB-Stiftungen
Sepp-Herberger-Urkunden verliehen: Zurück zu den Wurzeln

Der Besuch, mit dem alles begann: Als Sepp Herberger 1970 in die Justizvollzugsanstalt nach Bruchsal eingeladen wurde, ahnten die Beteiligten noch nicht, welch nachhaltige Wirkung dieser Besuch entfalten sollte. Sieben Jahre später wurde die DFB-Stiftung Sepp Herberger gegründet. Seitdem zeichnet die älteste DFB-Stiftung Fußballvereine für besonderes Engagement aus. Auch in diesem Jahr wurden in Mannheim wieder zehn Vereine mit der Sepp-Herberger-Urkunde geehrt.

Der Gewinner in der Kategorie "Resozialisierung" ist der SV 62 Bruchsal. Ausgerechnet das Gefängnis, das Herberger vor mehr als 40 Jahren besuchte, kooperiert seit 2010 mit dem Verein aus dem Kraichgau. Gemeinsam schafft man in Baden die Rahmenbedingungen, um den Strafgefangenen den Übergang in die Freiheit zu erleichtern. Im offenen Vollzug nehmen sie am Fußballtraining teil und kommen sogar in den Saisonspielen zum Einsatz. Nach ihrer Haft bleiben mehr als die Hälfte der Projektteilnehmer dem Klub erhalten und engagieren sich ehrenamtlich

Unter den Gästen bei der Veranstaltung
in Mannheim: DFB-Schatzmeister Grindel

Zimmermann: "Herberger wäre stolz auf die Entwicklung"

"Sepp Herberger wäre unheimlich stolz auf die Entwicklung seiner Stiftung", sagt Ronny Zimmermann, DFB-Vizepräsident und Kuratoriumsmitglied der Stiftung. Der Gewinner jeder Kategorie darf sich neben der Urkunde über 5000 Euro freuen. Die Vereinskasse der Zweit- und Drittplatzierten wird mit 3000 und 2000 Euro gefüllt. Aus gutem Grund, sagt Zimmermann: "Die Vereine haben diese finanzielle Anerkennung verdient. Wenn jemand so etwas Wertvolles für die Gemeinschaft leistet, sollte man das auch honorieren. Das tun wir sehr gerne."

Rund 80 Gäste besuchten die Gala in Mannheim, darunter DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock und DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel, die sich vom Einsatz der Preisträger beeindruckt zeigten. Eugen Gehlenborg, DFB-Vizepräsident und gleichzeitig Vorsitzender der Sepp-Herberger-Stiftung, sagt: "Ich habe großen Respekt vor den Preisträgern. Sie packen die Dinge an und machen auf tolle Weise deutlich, welche Kraft vom Fußball auch außerhalb des Platzes ausgeht."

Kurz vor der Veranstaltung verabschiedete er auf der Kuratoriumssitzung gemeinsam mit den 15 Kuratoren und Vorständen den Jahresbericht der Stiftung und blickte auf die Aufgaben und Projekte der nächsten Jahre: die Initiative "Anstoß für ein neues Leben", die Blindenfußball-Bundesliga und weitere Aktionen der Stiftung.

"Das Größte meiner sportlichen Laufbahn"


Anschließend wurden im m:Congress Center Rosengarten die Urkunden verliehen. In der Kategorie "Behindertenfußball" landete der Lübzer SV auf Platz eins. Der Klub aus Mecklenburg-Vorpommern bietet für die Schüler der allgemeinen Förderschule und die Mitarbeiter der Lewitz-Werkstätten – eine Werkstätte für behinderte Menschen - ein kostenloses Fußballtraining an. "Das ist das Größte meiner sportlichen Laufbahn. Ich mache das schon seit vielen, vielen Jahren und nun diese Anerkennung durch die Stiftung zu erhalten, ist einfach wunderschön", sagt Uwe Ohrlich, der Vereinssportlehrer des Lübzer SV.

Der SC 09 Erkelenz setzte sich in der Kategorie "Schule & Vereine" gegen seine Mitbewerber durch. Neben Fußball-AG's an zwei Gymnasien kooperiert der Verein aus dem Mittelrhein-Verband auch bei der Schiedsrichterausbildung sehr eng mit den lokalen Schulen. Der Sonderpreis der Stiftung ging in diesem Jahr an den FC 1924 Insheim, wo Gustav Schneider seit einem tragischen Unfall im Mai 2006 vom Kopf abwärts gelähmt ist. Mit viel Liebe kümmern sich die Mitglieder des Vereins um ihren Freund. Ob beim Umbau der Hoffläche, der Einrichtung eines Spendenkontos oder der Ausrichtung eines Benefizspiels, in Insheim bringen sich Vereinsmitglieder, wie Kurt Rieder mit viel Herz ein. Er hilft Gustav Schneider in finanziellen Dingen: "Ich denke, unser Engagement ist für sein Empfinden und seine positive Einstellung sehr wichtig."

Die Preisträger im Überblick:

Kategorie Behindertenfußball:
1. Platz: Lübzer Sportverein e. V.
2. Platz: FC Deetz e.V.
3. Platz: Chemnitzer FC e.V.

Kategorie Resozialisierung:
1. Platz: SV 62 Bruchsal e.V.
2. Platz: SV Klausen e.V.
3. Platz: SV Schnathorst e.V.

Kategorie Schule & Vereine:
1. Platz: SC 09 Erkelenz e.V.
2. Platz: MTV Himmelpforten e.V.
3. Platz: TSV Bargteheide e.V.

Kategorie Sozialwerk:
Der Sonderpreis ging an den FC 1924 Insheim e.V.

 
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